Wer verstehen will, warum Roberto De Zerbi heute zu den auffälligsten Trainern Europas zählt, sollte nicht nur auf Ergebnisse schauen. Entscheidend sind sein mutiger Spielaufbau, die intensive Arbeit mit Räumen und die Bereitschaft, Gegner bewusst aus der Position zu locken. Hier ordne ich seine Karriere, seine taktischen Prinzipien und den praktischen Nutzen für modernes Fußballtraining ein.
Die wichtigsten Punkte zu seiner Trainerkarriere auf einen Blick
- Aktuelle Station: Seit dem 31. März 2026 ist er Cheftrainer von Tottenham Hotspur.
- Karriereweg: Seine Entwicklung führte ihn von italienischen kleineren Vereinen über Sassuolo und Schachtar Donezk nach England und Frankreich.
- Spielidee: Im Mittelpunkt stehen kontrollierter Spielaufbau, kurze Abstände und mutige Lösungen unter gegnerischem Druck.
- Größter Erfolg: Mit Brighton erreichte er die beste Premier-League-Platzierung der Vereinsgeschichte und erstmals europäischen Fußball.
- Trainingswert: Seine Prinzipien lassen sich vor allem über Positionsspiele, Überzahlübungen und pressingsichere Spielformen vermitteln.

Vom italienischen Unterbau auf die große Bühne
Der Italiener begann seine Trainerlaufbahn nach dem Ende seiner aktiven Karriere im Jahr 2013 bei Darfo Boario. Danach arbeitete er unter anderem bei Foggia, Palermo und Benevento, bevor Sassuolo zum entscheidenden Entwicklungsschritt wurde. Dort formte er eine Mannschaft, die trotz begrenzter Mittel durch Ballbesitz, offensive Bewegungen und technisch sauberen Fußball auffiel.
Mit Sassuolo gelangen zwei achte Plätze in der Serie A. Das war mehr als eine ordentliche Platzierung, denn die Mannschaft spielte aktiv und blieb auch gegen stärkere Gegner ihrer Idee treu. Für mich liegt genau darin der wichtigste Karrierebaustein: Er zeigte, dass eine klare Spielstruktur nicht zwingend von einem Kader voller Weltstars abhängt.
| Zeitraum | Verein | Was besonders auffiel |
|---|---|---|
| ab 2013 | Darfo Boario | Einstieg in den Trainerberuf |
| 2014 bis 2016 | Foggia | Offensiver Fußball und der Gewinn der Coppa Italia Serie C |
| 2018 bis 2021 | Sassuolo | Zwei achte Plätze in der Serie A und hohe spielerische Anerkennung |
| 2021 bis 2022 | Schachtar Donezk | Ukrainischer Supercup und Teilnahme an der Champions-League-Gruppenphase |
| 2022 bis 2024 | Brighton | Sechster Platz in der Premier League und erste Europapokalqualifikation des Vereins |
| 2024 bis Februar 2026 | Olympique Marseille | Vizemeisterschaft in der Ligue 1 in der Saison 2024/25 |
| seit März 2026 | Tottenham Hotspur | Neue Aufgabe in der Premier League |
Was seinen Fußball taktisch besonders macht
Die Mannschaften des Trainers wollen den Ball nicht einfach möglichst lange halten. Sie nutzen den Ballbesitz, um den Gegner zu bewegen und anschließend Räume zu öffnen. Typisch ist ein Aufbau, bei dem Torhüter und Innenverteidiger den ersten Druck bewusst annehmen, bevor ein Pass ins Mittelfeld oder auf den freien Außenverteidiger folgt.
Risiko im Spielaufbau
Ein zentrales Prinzip ist das Herauslocken des Pressings. Zieht die erste Linie des Gegners nach vorne, kann dahinter ein freier Raum entstehen. Ein technisch starker Mittelfeldspieler löst die Situation dann mit einem offenen Körper, einer schnellen Drehung oder einem direkten Pass auf den dritten Spieler.
Diese Idee verlangt Mut, Präzision und klare Abstände. Ein Fehlpass in der ersten Linie kann sofort gefährlich werden. Deshalb reicht es nicht, den Spielern nur zu sagen, sie sollen hinten herausspielen. Sie brauchen feste Anspielwinkel, gute Abstände und mehrere Anschlussoptionen.
Positionswechsel mit Zweck
Bei den Rotationen geht es nicht um Bewegung um der Bewegung willen. Ein Außenverteidiger kann einrücken, damit der Flügelspieler breit bleibt. Ein Achter kann sich fallen lassen, damit ein Stürmer zwischen den Linien auftaucht. Entscheidend ist, dass jede Bewegung eine gegnerische Entscheidung erzwingt.
Ich halte diesen Punkt für besonders lehrreich für Nachwuchstrainer. Freies Positionsspiel funktioniert nur dann, wenn die Spieler verstehen, welchen Raum sie öffnen und welcher Mitspieler ihn besetzen soll. Ohne dieses Verständnis wird aus Flexibilität schnell Unordnung.
Warum Brighton zum wichtigsten Beleg seiner Arbeit wurde
Bei Brighton zeigte sich der Ansatz besonders deutlich. Die Mannschaft kombinierte einen kontrollierten Aufbau mit aggressivem Gegenpressing und schnellen Angriffen nach Ballgewinn. In seiner ersten vollständigen Premier-League-Saison erreichte der Verein Platz sechs und qualifizierte sich erstmals für einen europäischen Wettbewerb.
Der Erfolg war nicht allein eine Folge schöner Kombinationen. Brighton konnte Gegner im Zentrum überladen, den Ball nach Verlust schnell zurückerobern und Angriffe mit vielen Spielern unterstützen. Gleichzeitig blieb die Mannschaft verwundbar, wenn der erste Aufbaupass nicht sauber gespielt wurde oder die Restverteidigung zu offen stand.
Genau diese Einschränkung wird oft unterschätzt. Ein offensiver Ballbesitzstil braucht eine starke Absicherung hinter dem Ball. Mindestens zwei bis drei Spieler müssen bereit sein, Konter zu kontrollieren, während die übrige Mannschaft nach vorne schiebt. Sonst wird aus Dominanz ein unnötiges Risiko.
Wie seine Prinzipien im Training umgesetzt werden können
Wer Elemente dieses Fußballs trainieren möchte, sollte nicht mit langen Taktikvorträgen beginnen. Besser sind kleine Spielformen mit klaren Regeln, die eine bestimmte Entscheidung provozieren. Die Spieler lernen dadurch nicht nur eine Laufroute, sondern den passenden Moment für eine Lösung.
Übung für den Spielaufbau
Eine sinnvolle Spielform besteht aus Torhüter, vier Aufbauspielern und drei anlaufenden Gegnern gegen zwei Mittelfeldspieler und ein Zieltor. Die Angreifer versuchen, den Ball kontrolliert über eine markierte Linie zu bringen. Für einen erfolgreichen Durchbruch gibt es einen Punkt.
- Feldgröße etwa 30 x 25 Meter
- Belastungsdauer pro Durchgang 3 bis 4 Minuten
- Vier bis sechs Durchgänge mit kurzen Pausen
- Zusatzregel: Der Pass in die nächste Zone muss mit offenem Körper angenommen werden
Die Übung schult Wahrnehmung, Körperstellung und das Erkennen des dritten Spielers. Wichtig ist, den Ball nicht künstlich um jeden Preis flach herauszuspielen. Wenn der Gegner den Raum perfekt schließt, darf ein diagonaler oder längerer Pass die bessere Entscheidung sein.
Lesen Sie auch: Marie-Louise Eta - Der Trainerweg, der wirklich trägt
Übung für Gegenpressing und Restverteidigung
In einer zweiten Spielform spielen sechs Angreifer gegen fünf Verteidiger auf zwei Tore. Nach jedem Ballverlust haben die Angreifer sechs Sekunden Zeit, den Ball zurückzugewinnen. Gelingt das nicht, müssen sie sofort hinter eine Sicherungslinie zurückfallen.
So lernen die Spieler den Unterschied zwischen Gegenpressing und blindem Hinterherlaufen. Der erste Spieler attackiert den Ball, der zweite schließt die wahrscheinlichste Passlinie und der dritte sichert den Raum dahinter. Diese Rollenverteilung macht den Unterschied zwischen kontrolliertem Druck und hektischem Chaos.
Tottenham als nächste Bewährungsprobe
Seit dem 31. März 2026 arbeitet Roberto De Zerbi bei Tottenham Hotspur. Der Schritt ist logisch, aber anspruchsvoll: Ein großer Klub erwartet nicht nur attraktive Spielkontrolle, sondern auch schnelle Ergebnisse, stabile Leistungen und den Umgang mit erheblichem Erwartungsdruck.
Für Tottenham wird entscheidend sein, wie schnell die Mannschaft seine Prinzipien verinnerlicht. Besonders wichtig sind ein Torhüter mit guter Passqualität, Innenverteidiger mit Ruhe unter Druck und Mittelfeldspieler, die sich auch in engen Räumen behaupten. Fehlt eine dieser Voraussetzungen, muss der Trainer seine Idee pragmatisch anpassen.
Ich würde deshalb nicht erwarten, dass eine neue Mannschaft sofort wie ein fertiges Positionsspiel-Team aussieht. Realistisch ist zunächst eine Übergangsphase von mehreren Monaten, in der Automatismen, Fitness und Entscheidungsqualität zusammenwachsen. Der langfristige Erfolg hängt davon ab, ob die Spieler Risiko und Verantwortung akzeptieren.
Was Trainer aus seiner Arbeit mitnehmen können
- Spielaufbau braucht Abstände: Gute Technik hilft wenig, wenn die Passwinkel fehlen.
- Ballbesitz ist ein Werkzeug: Der Ball soll Gegner bewegen und Räume öffnen, nicht nur die Statistik füllen.
- Risiko muss abgesichert werden: Jede offensive Bewegung braucht eine passende Restverteidigung.
- Training muss Entscheidungen erzeugen: Kleine Spielformen sind oft wertvoller als isolierte Passübungen.
- Flexibilität braucht Prinzipien: Positionswechsel funktionieren nur, wenn die Spieler ihre Aufgaben verstehen.
Der vielleicht wichtigste Lerneffekt liegt für mich darin, dass attraktiver Fußball nicht bei der Formation beginnt. Er entsteht durch wiederholte Entscheidungen unter Druck, durch passende Abstände und durch Spieler, die wissen, wann sie einen riskanten Pass suchen und wann sie das Spiel beruhigen müssen.
Warum seine Entwicklung für den modernen Fußball interessant bleibt
Roberto De Zerbi steht für eine Trainergeneration, die Technik, Taktik und Mut eng miteinander verbindet. Seine Karriere zeigt zugleich, dass eine erkennbare Spielidee Zeit, passende Spieler und tägliche Detailarbeit braucht. Wer nur die spektakulären Aufbaupässe kopiert, übernimmt höchstens die Oberfläche.
Für Vereine und Trainer ist der nachhaltigere Ansatz, die dahinterliegenden Prinzipien zu übernehmen: Überzahl schaffen, Gegner locken, Räume erkennen und nach Ballverlust gemeinsam reagieren. Genau dort liegt der praktische Wert seiner Arbeit, unabhängig davon, bei welchem Klub er gerade an der Seitenlinie steht.
